Geschlechtsunterschiede in der Persönlichkeit

von Peter Boltersdorf, Institut für das Reiss Profile in Management und Leistungssport;

Aachen, den 20. Februar 2013

Mit dem Thema Geschlechtsunterschiede in der Persönlichkeit beschäftige sich ein Artikel in der Süddeutsche Zeitung vom 06.Februar 2013. Der Journalist  Christian Weber berichtet über eine Studie der Sozialpsychologen Bobbi Carothers und Harry Reis. Aus Daten von insgesamt 13.000 Männern und Frauen sind in den verschiedensten Persönlichkeitsaspekten die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nach modernsten statistischen Methoden überprüft worden.

Das Ergebnis ist eindeutig (siehe unten stehenden Artikel im Wortlaut): Grundsätzliche Unterschiede in der Persönlichkeit zwischen Männern und Frauen sind wissenschaftlich nicht in dem Maße feststellbar, wie es gerne behauptet wird.

Aus der Sicht der umfangreichen Erfahrungen der Arbeit mit dem Reiss Profile sind diese Ergebnisse nur logisch. Die grundlegenden Werte, Ziele und Motive, die jeder Mensch hat, sind derart grundsätzlich, dass das Geschlecht eines Menschen sich eher auf der Verhaltensebene auswirkt und unter dieser Hinsicht mehr als Bestandteil der soziokulturellen Bedingungen angesehen werden muß, als das es Bestandteil des grundlegenden Charakters der Persönlichkeit ist.

Starke Ausprägungen in einem Lebensmotiv treten bei Männern und Frauen in gleichem Maße auf. Das zeigt sich zum Bespiel im Lebensmotiv „Familie“. Fürsorglicher Umgang mit Kindern ist für Männer in der gleichen Häufigkeit ein wichtiges Thema wie für Frauen. Bei den Fußballprofis finden wir sogar eine gesellschaftliche Gruppe, in der die Männer im Durchschnitt einen höheren Wert im Lebensmotiv „Familie“ aufweisen als deren Ehepartnerinnen.

Gerade weil beim Geschlechterunterschied gerne die Planeten Mars und Venus zur Umschreibung herangezogen werden, ist das Lebensmotiv „Rache/Kampf“ als ein anderes Beispiel sehr gut geeignet.

Hier geht es letztendlich um die Frage, welche Bedeutung es für einen Menschen hat, sich mit anderen zu vergleichen. Darin unterscheiden sich Männer und Frauen nicht. Es besteht aber ein im Alltag gut wahrnehmbarer Unterschied auf der Verhaltensebene. Wie ein Mensch Wettkampf, Konflikt und Rache lebt, ist durchaus geschlechtsspezifisch. Hier haben Erziehung und gesellschaftliche Norm einen großen Einfluss auf die Frage, welche Mittel ich einsetze, wie ich einen Konflikt löse und wie ich mein Bedürfnis nach Rache auslebe. Im Kindesalter werden Mädchen sehr häufig sanktioniert, wenn sie sich körperlich durchsetzen wollen. Aus diesem Grund müssen sie andere, subtilere Strategien entwickeln, um zu gewinnen. Jungen werden nicht selten positiv bestätigt, wenn sie sich wehren und durchsetzen und dabei auch körperliche Gewalt einsetzen. Somit kann dann offene Aggression zum einem Bestandteil des alltäglichen Verhaltens werden. Das zeigt sich dann auch in einer emotional einseitigen Definition von  „Durchsetzungsfähigkeit“, die eng an offene aggressive Verhaltensaspekte angelehnt wird.

Wenn Frauen in einem sehr vergleichbaren Kontext  stehen, zeigen sie ein sehr ähnliches Verhalten bei Reche/Kampf wie Männer. Ich habe für eine längere Zeit die Fußballnationalmannschaft der Frauen der Niederlande mit dem Reiss Profile begleitet. Bezogen auf Rache/Kampf also: Meckern mit dem Schiedsrichter und Revanchefoul lässt sich kein wirklicher Unterschied zu Männern im Fußball erkennen.

Das Alles erklärt auch den Hinweis im Artikel von Carothers und Reis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen die gleichen Probleme in der Partnerschaft haben wie heterosexuelle Paare. Wären Männer und Frauen tatsächlich von unterschiedlichen Planeten dürfte das nicht sein.

Bliebe zum Schluß die Frage, von welchem Planeten wir denn nun stammen?  Meine Antwort lautet: Alle von der guten alten Mutter Erde.

Aus der Evolutionsbiologie, wie sie insbesondere von David Sloan Wilson (Bingham University) vertreten wird, läßt sich folgender Gedanke ableiten:

Der Mensch an sich ist ein Alleskönner, der in sich 32 potentielle Spezialisierungen aus 16 Persönlichkeitsaspekten trägt.  Eine starke Ausprägung in einem oder mehreren der 16 bipolaren Lebensmotive macht uns zu einem Spezialisten, der darüber einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Entwicklung der Art liefert. Die sozialen Fähigkeiten des Menschen, lassen aus der Sicht eines Clans alle diese Spezialisierungen im Sinne des evolutionären Auftrages koordiniert zur Wirkung kommen.

So betrachtet, macht es Sinn, dass diese Dinge bei Männern und Frauen eher gleich sind als unterschiedlich. Redundante Systeme bieten einen klaren Vorteil bei Ausfällen von Einzelteilen.

Peter Boltersdorf

hier der vollständige Artikel:

Süddeutsche Zeitung; Mittwoch, 06. Februar 2013; Seite 16

Von einem Planeten

Unterschiede zwischen Männern und Frauen gering

Zugegeben, von außen lassen sich die Geschlechter zumindest in der Regel recht einfach unterscheiden. Und ja doch, Männer sind im Durchschnitt größer, stärker und haben die breiteren Schultern. Bei diesen körperlichen Dimensionen unterscheiden sich Männer und Frauen tatsächlich so sehr, dass sie auch statistisch zwei klar abgegrenzte Gruppen bilden.

Womöglich gibt es auch bei manchen Hobbys geschlechtstypische Häufungen, bei der Beschäftigung mit Kosmetika etwa oder beim Konsum von Pornografie. Doch im Großen und Ganzen stammen Männer und Frauen vom gleichen Planeten Erde, und nicht von Mars und Venus, wie populäre Autoren mit großem Erfolg immer wieder behaupten. So zumindest lautet das Fazit einer großen Studie der Sozialpsychologen Bobbi Carothers von der Washington University in St. Louis und Harry Reis von der University Rochester im renommierten Fachmagazin Journal of Personality and Social Psychology (online).

Die beiden Wissenschaftler analysierten mit ausgefeilten statistischen Methoden die Daten von insgesamt 13 000 Männern und Frauen – aus eigenen Befragungen, aber auch aus 13 älteren Studien, die allesamt große Geschlechtsunterschiede gefunden hatten. Insgesamt suchten die Forscher bei 122 Eigenschaften von Persönlichkeit und Verhalten nach Auffälligkeiten. So ermittelten sie die Ausprägung der sogenannten Big Five, also der grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Sie fragten nach Freizeitbeschäftigungen und Kriterien der Partnerwahl, dem Interesse an Naturwissenschaften und nach mathematischen Fähigkeiten, nach sexueller Treue sowie Ansichten und Gewohnheiten im Umgang mit anderen Menschen.

Doch die so ermittelten Geschlechtsunterschiede erwiesen sich als relativ mager: „So stimmt es etwa entgegen den Annahmen der Pop-Psychologie nicht,dass Männer und Frauen qualitativ unterschiedlich über ihre Beziehungen denken“, schreiben die Autoren. „Selbst führende Wissenschaftler bei den Themen Geschlecht und Stereotypisierung irren sich da.“ Gravierende Unterschiede fanden die Studienautoren noch nicht einmal bei einer vermeintlichen männlichen Kernkompetenz, der Durchsetzungsfähigkeit, gemessen an Kriterien wie Konkurrenzdenken, Entscheidungsfreude, Überlegenheitsgefühl, Beständigkeit, Zuversicht und Stressresistenz. Die Männer erzielten zwar etwas höhere Spitzenwerte, aber insgesamt waren die Überlappungen beim einschlägigen Verhalten von Männern und Frauen sehr ausgeprägt. 

So sei es bei den meisten der vermeintlich eindeutigen Geschlechtsunterschieden: Es gebe zwar bei vielen Eigenschaften

geschlechtstypisch abweichende Durchschnittswerte, aber die jeweiligen Unterschiede innerhalb der Gruppen der Männer oder der Frauen seien deutlich größer als zwischen ihnen. Deshalb gebe es natürlich entgegen dem Vorurteil empathische Männer und stark an Mathematik und Technik interessierte Frauen.

Das Denken in Geschlechter-Stereotypen halten die beiden Psychologen nicht zuletzt deshalb für schädlich, weil es die Paarbeziehungen belasten könnte. „Wenn etwas zwischen Partnern danebengeht, machen sie häufig das Geschlecht ihres Lebensgefährten verantwortlich“, sagt Harry Reis. Das hindere sie daran, ihre Gefährten als Individuen zu sehen, die sich auch positiv verändern könnten.

Der beste Beleg, dass nicht eine Mars-Venus-Differenz hinter dem typischen Ehestreit liege, sei, „dass schwule und lesbische Paare so ziemlich die gleichen Probleme miteinander haben wie heterosexuelle Paare“.

Die Diskussion über die Geschlechtsunterschiede wird dennoch weitergehen. So räumen die Autoren ein, dass ihre Thesen vor allem auf den Selbstauskünften von jungen Menschen beruhen, die Ende des 20. Jahrhunderts in den USA lebten – einer Kultur, der die Gleichberechtigung der

Geschlechter wichtig ist.

CHRISTIAN WEBER

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